Prof. Carlo Rovelli
Über den „Widerstand“ gegen Neues in der Wissenschaft
Ein Interview mit Carlo Rovelli,Physiker und Professor an der Universität Méditerranée, Forscher am CNRS in Marseille, er ist ausserdem Gastprofessor für Philosophie an der Universität von Pitthsburg.
Den im Allgemeinen von Psychoanalyse und Psychologie angewandten Begriff des „Widerstands“ von Individuum oder Gesellschaft gegen Neues wendet Rovelli auf das Widerstreben gegenüber innovativen wissenschaftlichen Diskursen an.
Für Rovelli ist der wissenschaftliche Diskurs per se subversiv: In jedem Zusammenschluss von Menschen findet man einerseits eine konservative Tendenz, die der Bewahrung der vorhandenen Strukturen und der Chaosvermeidung dient, und andererseits eine notwendige innovative Tendenz, ohne die wir heute noch die Pharaonen verehren würden. Beide Tendenzen finden sich auch in der Wissenschaft, die aber allein durch ihre Erneuerungskraft existiert. Die Wissenschaft setzt sich kritisch und zweifelnd mit Glaubensvorstellungen auseinander. Jedes Mal, wenn ein Wissenschaftler eine sehr von der herrschenden Weltbeschreibung abweichende Variante durchsetzen will, stößt er auf einen Widerstandsmechanismus, auf die Angst vor Neuem. Zunächst ist es schwer vorstellbar, dass die Erde rund ist oder dass wir gemeinsame Vorfahren mit dem Marienkäfer haben.
Der Widerstand kommt immer von denen, die Angst vor dem Neuen haben oder meinen, sie seien im Besitz der – ohnehin bekannten - Wahrheit. Dieser uralte Konflikt ist keineswegs beendet. Die Wissenschaft reibt sich weiterhin am Konservatismus und dessen Machtposition, denn „Wissen ist Macht“, wie bereits die Griechen erkannten: Wer also das Wissen in Frage stellt, stellt auch den in Frage, der es besitzt. Daher rühren alle Schwierigkeiten der Wissenschaft mit der Kirche, glaubt doch die Kirche, ein absolutes Wissen zu besitzen. Der Gedanke eines absoluten Wissens steht jedoch im Widerspruch zur wissenschaftlichen Wahrheitssuche als Erkenntnisprozess. In vielen Ländern wurde der Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion stark wiederbelebt, z.B. in den USA, wo Darwins Evolutionstheorie in einigen Bundesstaaten nicht gelehrt werden darf. Auch Frankreich ist nicht völlig von dieser anti-szientistischen Welle verschont geblieben.
Rovelli hält diese Tendenz für gefährlich und unbegründet, denn sie schreibt einer Wissenschaft die Schuld zu, die sich oft irrte und in der Tat anmaßend war, die aber der Vergangenheit angehört und nicht mehr der gegenwärtigen Praxis entspricht.
Die Wissenschaft wird oft vom Standpunkt des absoluten Relativismus angegriffen, der von der Feststellung ausgeht, alle Theorien würden sich verändern und seien in diesem Sinne falsch, daher könne sich jeder seine eigene Wahrheit aussuchen, und alle Wahrheiten seien gleichwertig. Zu einer solchen Auffassung steht das wissenschaftliche Denken in diametralem Gegensatz. Keine Wahrheit ist absolut, alles kann zur Diskussion gestellt werden, aber gerade nach einer solchen Diskussion gelangen vernünftige Menschen erfahrungsgemäß zu einer Einigung. Nicht alle Schlussfolgerungen sind gleichwertig, und wenn die Protagonisten des Dialogs wirklich Klarheit anstreben, dann finden sie diese auch. Das ist die Stärke der Wissenschaft, was sich auch daran zeigt, dass alle großen wissenschaftlichen Debatten letztendlich entschieden worden sind. In diesem Sinne muss man an eine Welt glauben, in der Dialog wichtiger ist als Machtbesitz.
Wissenschaft und Fortschritt
Stellen sich die Wissenschaftler Fragen über den Sinn ihrer Tätigkeit? Ist das überhaupt ihre Sache? Kann man weiterhin davon ausgehen, dass die Wissenschaft Fortschritt bringt? Darauf antwortet Carlo Rovelli, am Anfang der wissenschaftlichen Arbeit stünden keinerlei Nützlichkeitserwägungen, sondern die Neugier und der Wunsch, etwas über die Welt zu erfahren. Die Wissenschaft dürfe nie auf Wissenserwerb und Problemlösung beschränkt werden. Es gehe darum, die Gemeinsamkeiten von Wissenschaft und Kunst, Einsteins und Schuberts Weg zur Vollendung ihres Werkes herauszufinden, denn dem menschlichen Geist gehe es immer darum, die Welt um ihn herum zu begreifen. Immer könne man dabei Schönheit und Wissen entdecken. Der Unterricht müsse die Wissenschaft wieder in diesen allgemeineren Zusammenhang der menschlichen Tätigkeiten, neben Kunst, Politik usw. stellen. Damit werde man dem Sinn wissenschaftlicher Tätigkeit besser eher gerecht.
Carlo Rovelli hält die naive Vorstellung, die Wissenschaft ermögliche der Menschheit einen geradlinigen Fortschritt, für überholt. Trotz der wissenschaftlichen Vorstöße herrschten weiter Barbarei, Armut und Ungerechtigkeit. Dennoch habe die Wissenschaft eine ausschlaggebende Rolle für das Leben des modernen Menschen gespielt und immerhin einige materielle Verbesserungen verschafft. So sterbe man nicht mehr mit dreißig Jahren, und die Menschheit bestehe nicht mehr überwiegend aus armen Bauern, die allen möglichen Krankheiten ausgesetzt sind.
Der eigentliche Fortschritt, den die Wissenschaften gebracht hätten, sei aber mehr in unserer Lernfähigkeit selbst als in unseren technischen Leistungen zu suchen. Die Wissenschaft müsse uns ermöglichen, uns selbst zu verstehen, sie müsse uns dazu anregen, aus unserer Geschichte zu lernen. Sie sei weder allmächtig noch Ursache allen Übels, sondern vor allem die Tätigkeit, die uns zu dem gemacht habe, was wir sind.
Wissenschaft und Demokratie
Die Wissenschaft entstand in Griechenland, in einer Zivilisation, in der die Menschen begannen, sich Fragen über die physische Welt zu stellen und rationale Antworten zu suchen, Antworten, die auch wieder in Zweifel gezogen und durch bessere Fragen ersetzt werden konnten. Dieser Diskussionsvorgang begann vor 2 600 Jahren zur Zeit Anaximanders. Was war das Besondere an Griechenland? Hoch entwickelte Kulturen hatte es schon vorher gegeben, zum Beispiel bei den Ägyptern. Die griechische Gesellschaft jedoch organisierte sich auf völlig neue Weise. Während die anderen Gesellschaften pyramidal aufgebaut waren, war die griechische Welt in verschiedene, unabhängige Stadtstaaten aufgeteilt, innerhalb derer die Macht zwischen den Bürgern ständig neu verhandelt wurde und nicht in den Händen eines allmächtigen Königs lag. Das war eine diskutierfreudige Gesellschaft, in der die Macht dem zukam, der fähig war, die anderen zu überzeugen. Das ist das Ziel der Demokratie und gleichzeitig der Beginn der Wissenschaft. Beide fallen zusammen. Anaximander stellte die Schlussfolgerungen seines Lehrers Thales in Frage, wie seine eigenen Schüler später die seinen.
Dieses weise Prinzip leitet auch heute die Wissenschaft: Die Wahrheit findet sich nicht in Büchern, und die beste Entscheidung trifft nicht ein einzelner, sondern sie entspringt der kollektiven Diskussion. Jeder muss sprechen dürfen, alle Ideen müssen berücksichtigt und alle Argumente geprüft können. Wissenschaft ist eng mit Toleranz und Achtung der Argumente, auch der gegnerischen, verbunden. Doch diese Vorstellung von Wissenschaft, diese Wertschätzung des Dialogs, können durchaus nicht allgemein vorausgesetzt werden. Diesen Geist der Toleranz mahnt Carlo Rovelli für unsere Epoche an.
Interview: Susanna Lotz
Das ganze Interview unter: http://www.arte.tv/de/wissen-entdeckung/wissenschaft/Forscher-im-Gespraech/Carlo-Rovelli/1232260.html
Weitere interessante Interviews:
Interview mit dem MathematikerAlain Connes
Interview mit dem AstrophysikerMarc Lachièze-Rey
Interview mit Etienne Klein
Physiker am "Commissariat à l'Energie Atomique".
Quelle:Arte-TV